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ITB Berlin Kongress Future Day: Von Overtourism bis zu innovativen Formen der Mobilität

Welche Rolle spielt Tourismus in der Welt? Kann, ja muss grenzüberschreitende Begegnung dazu beitragen, dass wir einander als Bereicherung erleben statt uns zu bekriegen? Oder gleicht Massentourismus doch einer Invasion, die lokale Identität, Umwelt und Natur sowie kulturelles Erbe bedroht? Der neu erwachende Protektionismus scheint auch die Reisebranche nicht zu umgehen. Destinationen beginnen, sich gegen die Überflutung mit Reisenden und die damit verbundenen Entfremdungsgefühle zu wehren. An welche Wachstumsgrenzen wir stoßen und welche Rolle Technologie spielen kann, um sie noch zu verschieben, war Thema des heutigen Future Days auf dem ITB Berlin Kongress.

Tourismus: Gateway zu globalem Fireden und Wohlstand?



Für Jane Jie Sun, CEO von Ctrip, des derzeit wohl erfolgreichsten Online-Reisebüros Chinas, steht eines fest: „Wir brauchen gegenseitiges Verständnis, um einander unterstützen zu können. Und dafür brauchen wir ‚Connection‘.“ Bücher können das Vor-Ort-Erlebnis nicht ersetzen. Erst das Reisen mache Menschen zu selbstbewussten Vertretern ihrer eigenen und respektvollen Bewunderung anderer Kulturen. Wie der Gesamtreisemarkt hat sie daher den Fokus klar auf Wachstum. Ihr Credo: Es braucht das Reisen, damit Gutes in der Welt entsteht. Diesen Daseinszweck (Purpose) ihres Unternehmens postuliert, wird alles andere vor allem zu einer technologischen Herausforderung: Es gelte, die wachsenden Touristenströme so zu lenken, dass alle dabei gewönnen. Mit Artificial Intelligence, Big Data und Cloud Computing. Mit Echtzeit-Informationen darüber, wo die Schlangen gerade am längsten sind, wo die Auslastung überschaubar. All dies, damit das Reiseerlebnis trotz wachsender Nachfrage nicht leidet.

Dann zeigt Sun eindrücklich, wie Ctrip mit derzeit 33.000 Mitarbeitern (allein 10.000 davon im Kundenservice) vor allem dadurch wachse, dass man neue Technologien entwickele und Echtzeit-Daten nutze, um den Kunden zu verstehen. Und, um seine Erwartungen real time mit den Möglichkeiten abzugleichen, die sich mit der Situation vor Ort immer dynamischer verändern: Verspäten sich beispielsweise Flüge erheblich, bucht Ctrip Reisende proaktiv auf andere Verkehrsmittel um – nachfolgende Reiseprodukte wie Mietwagen oder Hotel passend dazu – und kommuniziert ihnen den neuen Reiseplan per Push-Mitteilung. Die 88-tägige Weltreise für 200.000 USD verkaufte das Team in 17 Sekunden 22 Mal – so genau kannte man die registrierte Kundenbasis.   

Überlastung begegnen: Best Practices im Umgang mit wachsenden Massen



In der Session mit Gloria Guevara Manzo, CEO World Travel & Tourism Council (WTTC) wurde deutlich, dass es bisher keine Definition für „Overtourism“ gibt. Was für die einen unerträglich, schafft für andere einen Job. „Es gibt bisher keine Standards für dieses Überlastungsphänomen“, so Guevara Manzo. „Was wir jedoch beobachten ist, dass es bisher ein lokales Problem zu sein scheint, einige wenige Destinationen betrifft. Etwa 70 Prozent der Reisenden konzentrieren sich auf gerade einmal 20 Zielländer.“ Diese Präferenzen werden sich auch in den kommenden Jahren kaum ändern, so die Prognosen. Gleichzeitig gebe es viele Destinationen, die von solchen Entwicklungen nichts mitbekommen. Selbst in überlasteten Destinationen gebe es Sehenswürdigkeiten, denen es an Besuchern mangele. Dies zu verstehen und ihm zu begegnen, sei die Herausforderung heute. Nach wie vor wachse der globale Tourismus mit jährlich etwa 4 Prozent stetig und schneller als die Wirtschaft. Darauf müssten sich alle Beteiligten einrichten – und zwar nicht mit kurz-, sondern mit langfristiger, nachhaltiger Planung, an der sowohl die Politik als auch die Wirtschaft und vor allem die Bürger beteiligt werden müssten. Dabei gebe es keine Standard-Lösung für alle: „Jede Destination ist einzigartig. Ob Diversifikation oder Weiterentwicklung der Produkte, Umlenkung der Besucherströme auf das Umland oder Sehenswürdigkeiten der zweiten und dritten Reihe: Wichtig wird, dass am Ende alle den Tourismus genießen – nicht nur die Reisenden.“

Overtourism messen und bewerten: ein Tool machts möglich

In dem Versuch, das Phänomen mess- und quantifizierbar zu machen, entwickelte der WTTC mit McKinsey ein Instrument, das Belastungen durch Tourismus in neun Dimensionen erfasst. Darunter beispielsweise die Besucherdichte (Touristen pro Quadratkilometer) auf der Fläche, auf der sich die 20 Hauptsehenswürdigkeiten befinden, oder das Verhältnis von Besucher- zu Einwohnerzahlen. Aber auch Saisonabhängigkeit, Wachstum der Ankünfte oder Positivität der Bewertungen in Portalen. Die Ergebnisse werden in fünf Kritikalitätsstufen geordnet. So lasse sich nicht nur akuter Handlungsbedarf erkennen, sondern auch Prävention gezielt einsteuern, meinen die Entwickler. Ob man Besucherströme dann mit Hilfe neuer Technologie durch kreative Preissetzung, Zutrittsbegrenzungen oder Echtzeit-Informationen zum Andrang besser lenkt: Lösungsideen gebe es bereits einige – nur würden sie noch nicht von allen Betroffenen systematisch und umfassend genutzt.

Isabel Bommer

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