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Die Tourismusindustrie in ihrem stärksten Wandel: Virtuelles Interview mit Phocuswright-Gründer Philip C. Wolf bildet Auftakt zur nächsten Session-Reihe der Virtual Convention auf ITB.com

Reisen in Corona-Zeiten

Die Corona-Pandemie hat die globale Tourismusindustrie bis ins Mark erschüttert – mehr als jede andere Krise zuvor. Die Reisebranche wird in der Zeit danach daher völlig verändert sein – mit tektonischen Verschiebungen, die noch vor wenigen Monaten undenkbar gewesen wären. In einer Kick Off-Session zur zweiten Runde von Beiträgen der Virtual Convention auf ITB.com unterhielten sich Prof. Dr. Roland Conrady, wissenschaftlicher Leiter des ITB Berlin Kongress und Philip C. Wolf, Gründer von Phocuswright, über die Reisewelt von morgen, über die Letzterer sagt, sie lasse sich anhand der Vergangenheit in keinster Weise mehr voraussagen.

Prof. Conrady leitete ein mit den Worten, dass sich die Branche in ihrer größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg befinde. Wolf ergänzte, dass wir uns erst am Beginn einer Art Testphase fürs Reisen befänden und es noch einige Fehlentscheidungen und Rückschläge geben dürfte. Klar ginge der Trend jedoch zurzeit von Auslands- hin zu Inlandsreisen, vom Flug hin zu erdgebundenem Reisen, von urbanen Aufenthalten hin zu ländlichen Gebieten und Orten mit mehr Platz- und Raumgefühl. Die romantische Vorstellung des Reisens, so Wolf, sei schon vor Corona zurückgegangen – dies verstärke sich nun noch einmal deutlich.

Mit dem Blick auf den Bereich von Geschäftsreisen sieht der Branchenexperte eine besonders angespannte Lage – schon alleine deswegen, weil Unternehmen wirtschaftlich leiden und somit prinzipiell sparen müssen. Zudem würden sich viele Business-Reisende fragen, ob sie wirklich so viel Zeit außerhalb ihres Zuhauses verbringen sollten. Die Nutzung von Zoom sei ein hoch-interessanter Indikator für die Verschiebung von analogen Treffen zu Online-Meetings. Der Dienst verzeichnete vor Corona rund zehn Millionen User am Tag – in den letzten Monaten waren es zu Spitzenzeiten 300 Millionen Nutzer.

Spannend war auch Wolfs Blick auf regionale Unterschiede. Länder und Regionen seien zum Beispiel in unterschiedlicher Weise abhängig von Besucherströmen. Amerikanische Reisende seien im Sommer sehr bedeutsam für Europas Tourismusindustrie. China verfüge dagegen über einen gigantischen Inlandsmarkt, von dem es derzeit profitiere. Ein großes Thema sei weltweit zudem die unterschiedliche Vorgehensweise bei Covid-19-Tests. Manche Länder bzw. Airports würden schneller liefern, während andere eher träge seien. Die Industrie müsse beim Aspekt Sicherheit noch einiges leisten, insbesondere eben in puncto Schnelltest. „Länder, Destinationen und Regionen, die rasch testen können, werden große Vorteile haben“, so Wolf.

Beim Thema Luftfahrt gab Wolf zu bedenken, dass eine Konsolidierung bereits vor der Pandemie angestanden habe. Dies dürfte sich seiner Meinung nach daher noch verstärken. Vor der Entdeckung eines Impfstoffs sieht er für die Branche kaum Hoffnung auf spürbare Entspannung. Es komme in der Luftfahrt nun darauf an, das „Digital Queuing“ voranzutreiben, das insbesondere mit der Hilfe von mobiler Technologie zunehmend das physische Anstehen ersetzen müsse.

Nicht zuletzt gab der Tourismus-Experte eine Einschätzung zur Hotellerie. Noch bis Februar 2020 sei der „persönliche Touch“ das Ultimo in diesem Branchensegment gewesen. Dies habe sich nun komplett umgedreht. Auch hier glaubt Wolf fest an das „digitale Anstehen“ – und zwar für sämtliche Resort-Aktivitäten vom Restaurantbesuch über Spa-Aufenthalte bis hin zur Poolnutzung. Per Alert würde der Gast künftig darauf hingewiesen, wann er jeweils seinen Slot hätte. „Es wird ein langer Weg, aber er ist nötig, damit die Hospitality-Branche funktionieren kann“, so Wolf.

Abschließend stellte er sich noch der Frage, wie einschneidend der digitale Wandel sei. „Corona ist ein digitaler Katalysator“, sagte Wolf. Schwachstellen würden sich insbesondere bei allen Vorgängen zeigen, die NACH einer Buchung stattfinden. Dies betreffe etwa Stornierungen, Umbuchungen oder Rückerstattungen. Hier habe es zum Beispiel keine Möglichkeiten über Twitter oder Messenger-Center gegeben, um all die Anfragen zu bewältigen. Wolf zitierte zu diesem Thema den CEO von Indiens größtem Online-Reiseportal MakeMyTrip, der jüngst darauf hinwies, dass nur gewinnen könne, wer diese Aspekte ähnlich gut manage wie den Verkauf. Der Phocuswright-Gründer schloss mit einem Zitat des Microsoft-CEOs Sachan Nadella: „Coronavirus? Wie könnte man das erklären? Zwei Jahre digitale Transformation in zwei Monaten.“ Und: „Wer diesen Pfad der Automatisierung nicht geht, selbst wenn er klein ist, wird kein Gewinner sein.“

Online ist das Interview unter www.itb.com/VirtualConvention abrufbar.

Weitere Branchennews sind auf itb.com unter der Rubrik News verfügbar: http://industrynewsitb.kinsta.cloud/

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