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Die VIR Delegationsreise Shanghai – ITB China

Die VIR Delegationsreise Shanghai – ITB China

Die ITB China begann, wie in China für Geschäftsbeziehungen üblich – mit einem gemeinsamen Abendessen. Hier wurde unsere Gruppe von Dr. Martin Buck, dem Direktor der Messe Berlin GmbH, Christopher Marzahn und David Axiotis begrüßt, bevor das Essen mit einer imposanten Bühnenshow von Trommeln bis Akrobaten und Tänzern eröffnet wurde. Die ITB China, ein Ableger der ITB Berlin, fand 2017 zum ersten Mal statt und erfreute sich dabei eines so großen Anklangs, dass die Ausstellungsfläche im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent gewachsen ist – dieses Jahr stellten ingesamt 700 Aussteller ihre Produkte und Dienstleistungen vor. Zum Auftakt des ersten Messetages wurden einige Eckdaten des chinesischen Travel-Marktes präsentiert:

  • 14 % des chinesischen Outbound-Travel gingen 2017 nach Europa
  • Dies bedeutete insgesamt 13,4 Millionen Ankünfte
  • Bis 2021 wird ein jährliches Wachstum der Europa-Reisen von 9,3% erwartet

Mr. James Jianzhang Liang, CEO und Gründer von C-Trip, dessen Headquarter wir am Tag zuvor schon besucht hatten, präsentierte zum Auftakt der Messe einige Vergleiche zwischen China, den USA und Japan. So beispielsweise hinsichtlich Kreuzfahrtreisen, vorhandenen Flughäfen und Auslandsreisen. Auffällig war, dass Deutschland weder im Benchmark noch als Zieldestination vorkam.

Während unserer organisierten Tour über die ITB China besuchten wir insgesamt sechs Unternehmen: Meituan, Dida Travel, Tujia, Qyer, Mafengwo und Chinapex. Diese begannen jeweils mit einer kleinen Zeremonie. Werden in Europa die Visitenkarten dem Gegenüber eher beiläufig zugesteckt, ist dies in China eine kleine Prozedur, die nach folgenden Regeln abläuft: Die Partner stellen sich frontal gegenüber und jeder hält seine Visitenkarte an den oberen Ecken mit beiden Händen fest. Dann werden die Karten übergeben und aufmerksam durchgelesen. Anschließend bedankt man sich und nickt dabei ein wenig mit dem Kopf.

Geführte Tour über die ITB China

Meituan wurde vor acht Jahren als Essens-Lieferservice gegründet, der täglich Deals anbot. Mittlerweile zählt das Unternehmen 650 Millionen Mitglieder, ist seit vier Jahren auch in der Touristik tätig und arbeitet mit 1.000 Einkäufern (insgesamt 50.000 Mitarbeiter) und eigenen gesourcten Hotels. Die Zielgruppe ist unter 30 Jahren und unternimmt vor allem Kurztrips und Städtereisen. Zudem gehört Mo-bike zur Unternehmensgruppe. Die orangefarbenen Sharing-Fahrräder, die bislang in Deutschland kaum genutzt werden, sind in China überall im Einsatz.

Dida Travel hat in China und international eine halbe Million gesourcter Hotels. Von den 100.000 chinesischen Reisebüors arbeitet Dida Travel mit 10.000 zusammen und ist eine wichtige Schnittstelle für die Reisebüros, die Buchungen über eine Web-Anwendung über Dida Travel abwickeln. Die Hotelbuchungsmaschine verfolgt eine Lean-Struktur, die sich an der Anzahl der Mitarbeiter zeigt, die mit 200 Angestellten für chinesische Verhältnisse relativ gering ist.

Tuija ist das asiatische Pendant zu AirBnB. In Japan arbeitet die Homesharing-Plattform beispielsweise mit lizensierten Partnern zusammen, was bedeutet, dass jeder Host eine Lizenz haben muss, bevor er Gäste empfangen darf. Auch Tuija konzentriert sich auf junge Leute unter 30 Jahren, die „non-standard“, also abseits vom Standard verreisen wollen und ist sehr an 3rd-Party interessiert.

Qyer ist eine Social-Media Plattform und ein typisches Beispiel für einen One-stop shop, also einer Applikation, in der alle notwendigen Schritte an einer einzigen Stelle / in einer einzigen Anwendung erledigt werden können. Die Nutzer geben sich hier Travel-Tipps, die Reise kann geplant und auch gebucht werden. Der Fokus liegt auch hier auf Individualreisen und FIT (=Free Individual Travel). Der ganze Prozess erfolgt dabei über mobile Endgeräte.

Zwei reisefreudige Gründer waren auf der Suche nach Content und kamen so zur Idee für Mafengwo – einer App, in der Freunde Reisen an Freunde empfehlen. Die App ist eine Mischung aus vielen uns bekannter Konzepte, wie Instagram und Trip Advisor. Lustig für uns war, dass sich die Chinesen in einem Punkt nicht so sehr von Europäern unterscheiden, denn auch hier wird die Reiseplanung meist von Frauen übernommen. So sind 60 % der Nutzer von Mafengwo weiblich.

Chinapex betreibt personalisiertes Marketing auf Basis von Big Data und künstlicher Intelligenz. Dabei ist das Marketing ganz genau auf die Zielperson abgestimmt. Anders würde dies in China auch nicht funktionieren, denn der Markt ist in dieser Hinsicht ein viel höheres Niveau als in Deutschland gewöhnt. Der kleine Bildschirm eines Mobilgeräts zwingt Produkte viel gezielter und treffender auszuspielen. Darüber hinaus kann sich der Nutzer in einer mobilen Anwendung gar keine so hohe Anzahl an Hotels anschauen.

Wir waren sehr beeindruckt von dem hohen Englisch-Niveau sowie der Offenheit der Präsentierenden. Die Tour war für uns wahnsinnig spannend und wir erhielten tolle Einblicke in Chinas Reisebranche. Dabei möchten wir uns ganz herzlich bei der ITB China für die Organisation bedanken!

Free Independent Traveler und Non-Standard

Sechs Unternehmen präsentierten sich der VIR-Delegationsgruppe in einem Konferenzraum während der ITB China

Am zweiten Messetag erhielten wir in einem eigenen Raum exklusive Vorstellungen folgender Unternehmen: Shanghai Online Travel Association, Fliggy, Utour, Lulu Trip, Dragon Trail und Mioji. Nach einer eigenen Vorstellung des VIR und des deutschen Reisemarkts anhand der VIR Daten & Fakten zum Online Reisemarkt 2018 und einer kurzen Einweisung über die Mentalität der Deutschen (direkt, wenig diplomatisch, sehr gut versichert, perfektionistisch, wenig risikofreudig und mit einem Humor ausgestattet, der nur für die eigenen Landsleuten verständlich ist  ) folgte die Präsentation unseres chinesischen Pendants: der Shanghai Travel Association. Diese vertritt – anders als es der Name suggeriert – die ganze chinesische Republik und nicht nur Shanghai. Der chinesische Verband wurde 2012 gegründet und zählt nun acht Mitglieder, die 70 % des Marktes ausmachen. C-Trip war eines der Gründungsmitglieder.

Fliggy ist ein Online Travel Marktplatz und ein Teil der Alibaba-Gruppe (Alibaba entspricht in etwa Amazon). Der Name ist ein Wortspiel aus Flying Pig.

Der chinesische Reisende wird hier wie folgt beschrieben:

  • bevorzugt mobile Anwendungen
  • teilt seine Reiseerlebnisse sehr gern
  • möchte fremde Kulturen kennen lernen
  • seiner Ansicht nach gibt es Service-Inseln, in der Kooperationen zwischen Airlines und Hotels fehlen

„Invest in dreams and be unique“

Der Travel Service Lifecycle von Lulu Trip

Das Motto der jungen Generation in China ist: „Invest in dreams and be unique“. Außerdem wird betont, dass Visa oft eine Hürde für Chinesen darstellen. Hier gilt zu bedenken, dass nur zehn Prozent der Chinesen im Besitz eines Reisepasses sind.

Laut eigener Aussage liegen die Stärken des Unternehmens in folgenden Bereichen: den Alibaba Mitgliedern (laut eigenen Angaben sind dies über 50 Millionen), dem Vorhandenen Ökosystem, der offenen Marketing Plattform, dem Cloud Computing und dem Travel Finance

Utour schnürt seit 1992 Reisepakete nach Europa, verkauft diese als Großhändler an OTAs und strebt mehr stationäre Reisebüros und Partnerschaften an. Daneben können auch Häuser geleased oder Geld gewechselt werden. Die Bandbreite ist riesig und reicht von Bildung bis zu Immobilien. Typisch chinesisch: ein Unternehmen ist nicht nur in der Touristik, sondern auch in einigen andern Branchen aktiv.

Lulu Trip bietet Travel Tech Lösungen während der Reisen. Die touristischen Ausgaben sind hier sehr hoch und werden zu über 50 % ad hoc getroffen. Zum Prozess der Reiseentscheidung werden folgende Probleme angegeben:

  1. Zum einen ist zu viel Content für die Phase der Reiseentscheidung vorhanden, welcher reduziert werden sollte.
  2. Zum anderen muss in den Tools zur Reisesuche auch die Buchung möglich sein. Zu beachten gilt es außerdem, dass soziale Medien während des Reisens ganz anders genutzt werden.
  3. Anhand des Travel-Service-Lifecycle wurde dargestellt, welche Unternehmen in welcher Phase auftauchen. Für den Konsumenten wäre es jedoch leichter, wenn ein Unternehmen alle Phasen abdecken könnte.

Keine Unterscheidung zwischen On- und Offline

ITB China

Die VIR-Gruppe zusammen mit den Unternehmensvertretern des 2. Messetags

Weiter wird die Wichtigkeit einer Multi-Channel-Strategie mit einer mobilen Website, einem Reisebüro und einer Plattform betont. Dabei fiel auf, dass hier zwischen offline und online gar nicht unterschieden wird. Die zwei verschiedenen Welten von on- und offline, die wir in Deutschland wahrnehmen, scheinen hier gar nicht zu existieren. „Destination++“, eine App von Lulu Trip, vereint Inspiration und Buchung in einer Anwendung. So können zum Beispiel während eines Restaurantbesuchs die Freizeitaktivitäten in der Umgebung gesucht und in derselben Anwendung auch gleich gebucht werden.



Die Agentur für digitale Marketing-Lösungen Dragon Trail sieht den Trend, dass die digitalen Player in der chinesischen Touristik immer noch größer werden. Wenn man als Unternehmen die Möglichkeit hat, nur eine einzige Sache in China zu starten, rät die Agentur dazu, ein Mini-Programm in WeChat zu integrieren. (Mini-Programme / Apps sind Programme, die in WeChat integriert sind, sodass We Chat gar nicht mehr verlassen werden muss.)

Auf Basis von künstlicher Intelligenz bietet Mioji maßgeschneiderte Touren an, welche unter anderem über Chatbots gebucht werden können.

Dabei werden für die Touristik drei Wachstumstreiber definiert:

  • Package tour
  • FIT Travel
  • Tailor made travel
  • „FIT“ und „tailor-made“ gelten als Trends, da bisher nur Gruppenreisen üblich waren.

Wir waren sehr erstaunt, wie groß die ITB China in ihrem zweiten Jahr schon war. (Die Messe wuchs im Vergleich zum Vorjahr um über 50 % auf 700 Aussteller). Destinationen aus aller Welt waren vertreten: von Panama, Argentinien und Chile über Finnland, Griechenland, Portugal und die Türkei bis hin zu Abu Dhabi. Zudem waren dort auch alle wichtigen Key Player des chinesischen Travel Marktes vertreten. Für uns war die Messe deshalb der ideale Einstieg in den chinesischen Travel Markt! Nach den zwei Messetagen hatten wir zum Ausklang eine exklusive Einladung der ITB zu einer sensationellen Kreuzfahrt von C-Trip mitten durch die Shanghaier Innenstadt bei typisch chinesischem Essen (Frosch, Hühnerkopf und Taube ;)). Dabei passierten wir das Herz Shanghais, den „Bund“ und konnten so das Farbenspiel der Oriental Pears, des Shanghai Towers und der restlichen Skyline aus nächster Nähe bestaunen.

Key-Words

AI: Artificial Intelligence. Das Thema künstliche Intelligenz ist omnipräsent und gleichzeitig Staatsziel. Aufgrund der hohen Einwohnerzahl und der damit einhergehenden hohen Datenmenge hat China hier einen klaren Vorteil.

FIT: Free Independent Traveler

One stop shop: Alle notwenigen Schritte können in einer einzigen Anwendung erledigt werden. Geht auch über den touristischen Bereich hinaus wie beispielsweise Shopping und Lebensmittel.

Trust: Uns schien es, dass in China zwar dem Freundeskreis viel Vertrauen geschenkt wird, Firmen sich dieses aber unter Kunden erst erarbeiten müssen.

Fazit

  • Die uns so geläufigen on- und offline Welten scheinen in China nicht zu existieren. Beides sind lediglich verschiedene Distributionskanäle eines Unternehmens. Die Unterscheidung erfolgt eher zwischen Desktop und mobil.
  • Ist das Vertrauen der Kunden einmal gewonnen, werden Produkte aus den unterschiedlichsten Segmenten vertrieben.
  • Die App WeChat entspricht in etwa WhatsApp, jedoch mit weitaus mehr Funktionen: Hier werden Steuererklärungen eingereicht und Zahlungen abgewickelt. Durch die integrierten Mini-Programme könnte die App in Zukunft noch weiter an Bedeutung gewinnen.
  • Non-standard: FIT (Free Independent Traveler) und non-standard zeigen, dass Chinesen in Zukunft individuelle Reisen den uns bekannten großen Gruppenreisen vorziehen.
  • Neben den hohen Arbeitsstunden genießen Chinesen nur sehr wenig Urlaub. Neben den gesetzlichen Feiertagen ist es jedem Unternehmen selbst überlassen, ob noch zusätzliche Urlaubstage gewährt werden. Die Aussagen hierzu waren unterschiedlich und reichten von 6 – 15 Tage pro Jahr.

Text: Astrid Steiner

 

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